Kraxelaffen und Schlappbauchkäfer

Zurzeit stapfen Addi und ich gelegentlich gerne und auch häufiger mal öfter mit großen Schritten durch die Welt, um selbige zu erobern oder zumindest mit ihr unseren Spaß zu haben.

Bisweilen vereinzelt fallen mir da bei unseren Herangehensweisen und Wagnissen nicht zu vergessen Voraussetzungen sowie Trainingszuständen Unterschiede zwischen mir und Addi auf:

1. Er hat einen Pullermatz. Folglich verteilt sich das Fett bei ihm nicht so gleichmäßig wie bei mir.
2. Er hat kein Fett.
3. Er baut schnell Muskeln auf und lernt neue Sportarten rasant.
4. Er hat Muskeln außerhalb der Grundausstattung die aufrechtes Gehen ermöglicht.
5. Er hat sich mit Anfang 20 einfach selbstständig gemacht. Einfach so.
6. Er würde überleben, wenn ihm jemand einen seiner Jobs kündigt oder wenn ihn ein Wildschwein verfolgt.

Das sind einige feine kleine kaum merkliche Verschiedenheiten. Man muss schon genau hinsehen, um diese zu erkennen…

Kraxelaffe alias Addi

Addi    Addi  Addi

Schlappbauchkäfer alias Fjoer

Fjoer

Addi hatte mich doch tatsächlich mit einem hilflosen Käfer verglichen, der immer wieder auf den Rücken fällt – sofern ich sein von Lachen und Glucksen durchtränktes Gebrabbel richtig verstanden habe.

Da steh ich einfach mal drüber und übe fleißig weiter diese Sache mit dem Drüberstehen und Hochhinaus.

Aussicht

 

Aussicht

Es ist noch Zeit, sich zu beeilen

Es ist 7:03, meine nächste Bahn (und letzte Chance pünktlich zu sein) kommt um 7:11. Ich brauche mindestens 8 Minuten dahin. Was mache ich: Schlendern und die nächste Bahn nehmen? Ich renne! Geschafft.

Büro – Projekt „Adlerauge“ soll bis mittags fertig sein, sagt Chef. Es ist 8 Uhr und ich brauche mindestens 4 Stunden. Allerdings nur wenn ich ohne Pause, Schwatzen und Surfen durchziehe. Beichte ich, dass es in letzter Zeit zu viele Projekte waren, zumindest wenn man so unkonzentriert arbeitet, wie ich neuerdings? Ich zieh durch!

Ich habe eine Stunde Mittagspause, um 10 Min. zum Fitnessstudio zu laufen, 30 Min. Circle Training zu verschwitzen, 10 Min. zu duschen und mich wieder umzuziehen. 10 Min. Rückweg. Schaffe ich das eh nicht und kaufe mir lieber einen neuen Nagellack im Einkaufszentrum? Ich schnappe mir meine Sportsachen!

Meine Zeit nach dem Studium habe ich mit freier Mitarbeit, Kellnerei und Praktikantentum verbracht. Gebe ich den Versuch einer jungen Durchstarterin mit sauberem Lebenslauf auf? Ja und nein. Was interessiert mich, wenn ich mit 107 in meinem selbstgegründeten Mehrgenerationen-Anwesen von 40 Enkeln umscharrt bin, ein sauberer Lebenslauf!? Jung bin ich jetzt und auch noch in 70 Jahren. Nur das Durchstarten muss langsam mehr Form bekommen. Also, ohne Schlendern und Schwätzen, geht es jetzt los: Teilnahme an einem Existenzgründerseminar – Check. Businessplan-Workshop-Anmeldung – Check. Weitere Schritte – Coming soon.

Um ehrlich zu sein, bin ich kein Fan von Stress und Eile im Leben. Eine gesunde Balance von „den Arsch hochkriegen“ und „mal alle Fünfe gerade sein lassen“ ist eher mein Motto. Diese Beispiele dienen eher als rhetorisches Mittel der Umschreibung meines eigentlichen Handlungswandels in letzter Zeit. Ich hab noch Zeit, mich zu beeilen. Mal sehen, zu was der Neujahrs-Sturm noch so drängt.

Aussicht

to be continued…

Mein Spiegelbild geht in die falsche Richtung

Als Kommunikationstante und Sprechwissenschaftlerin gehört es eigentlich zu meinem Schlafwandelgemurmel… Selbst- und Fremdbild … einander annähern durch die Kunst des Sich-Spiegelns, seinen Gegenüber spiegeln, sich selbst einen Spiegel vorhalten… Doch wann macht man das wirklich, für sich allein, mit sich allein?

Spiegel

Ich sehe im Fenster der S-Bahn eine Fratze mit Augenringen und runterhängenden Mundwinkeln, doch wende mich gleich wieder ab… Das ist nur das schlechte Licht. Die Fensterscheibe bildet jeden verzerrt ab. Das bin ich nicht. Wochen und Monate vergehen, vielleicht ein Jahr. Wieder eine Fratze. Diesmal im Kaufhausspiegel… Das Licht hier ist echt grell. Krankenhauslicht. Ich hab nicht viel geschlafen in letzter Zeit. Ich muss nur mal wieder mehr Sport machen. Ein paar neue Klamotten brauche ich auch. Ich geh zum Friseur sobald ich einen neuen Job hab. Das hier ist nur eine Phase. Das bin ich nicht. Oder?

Bild

Sich im Spiegel zu betrachten, heißt, eine bessere Idee von sich zu bekommen. Dennoch ist es lediglich ein Spiegel, nicht wir selbst. Wenn wir nach links gucken, schaut unser Spiegel-Ich nach rechts, wenn ich meinen Scheitel immer rechts trage, trägt ihn mein gläserner Zwilling links. Im Idealfall macht mein Abbild stets das Gegenteil von mir.

Nun frage ich mich aber, warum ICH das Gegenteil von mir mache? Wann bin ich eigentlich zu meinem Spiegelbild geworden? Wann habe ich angefangen, mit dem falschen Bein aufzustehen, in die andere Richtung zu blicken? Seit wann gehe ich in die entgegengesetzte Richtung? – Ja, ich bin erwachsen. Ja ich bin für mich selbst verantwortlich und selbstständig. Ja ich muss Miete zahlen. Ja, ich möchte gern irgendwann in eine größere Wohnung, eine schöne Kamera, das Kleid im Schaufenster die Straße runter, 2 Wochen Island und meine Rechnungen bezahlen. Ja ich hatte und habe Träume, hatte und habe eine (Ideal-)Vorstellung von mir. Dass der Wunsch, seine Rechnungen zu bezahlen und jener, sich zu verwirklichen (was auch immer das im Einzelfall heißt) nicht zwangsläufig harmonieren, ist wohl kaum jemanden neu. Aber müssen diese beiden Dinge gleich in verschiedenen Universen zu Hause sein? Wie lange lässt sich die beängstigende Erkenntnis mit gelegentlichen kleinen Gesprächen über Alles wird bald besser – wie, wann und wo auch immer ignorieren?

Ruder

Am vorigen Wochenende hatte die Ignoranz ihre Grenze erreicht. Ich sah mich an und sah das Gegenteil von mir. Als wäre ich meine Spiegelung, welche stets meine Antithesen umsetzt. Mein Spiegelbild geht in die falsche Richtung und ich folge ihm.

Wenn ich sprechen will, warum entscheide ich mich fürs Rechnen? Wenn ich laufen will, warum entscheide ich mich fürs Sitzen? Wenn ich mich selbstständig machen will, warum entscheide ich mich für ein Praktikum, mehr als ein Jahr nach meinem Studienabschluss?

Genug gejammert, gewundert und gesumpft. Der Frühling kommt und ich ändere die Richtung.

Frühling

Auto

Guten Morgen eisiges Berlin

Fenster

Derzeit umgibt, zumindest für mich, die Hauptstadt so eine angenehm eisige Ruhe zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Die Menschen in der Bahn reden nicht viel, Betrunkene der Vornacht schlummern bereits,  frühaufstehende Arbeitsmutige versuchen in der Bahn noch ein paar Minuten Schlaf zu erhaschen. Im Büro? Wie immer niemand, wenn ich die Tür aufschließe. Ich bin meist die erste. So kann ich die Ruhe genießen, zudem unertappt an den Süßigkeitenschrank. Irgendwie schläft die Welt gerade in meinen Augen, genießt den Frost und Schnee, bereitet sich im Geheimen, versteckt in warmen Höhlen, auf den Frühling vor. So mache ich es auch. Heimlich trainiere ich mir den Bürostuhlspeck weg und plane abends auf meinem Sofa die Eroberung der Welt. …

In der Zwischenzeit? Eine heiße Tasse Kaffee Tee.

Telefonklingeln… „Guten Morgen! Was kann ich für Sie tun? (…) Ja, da sind Sie hier leider falsch, ich leite Sie gern weiter. …“

 

Mein Geheimnis, euer Geheimnis

Ich rufe Addi an: „Ich bin gleich da, noch 3 Minuten circa.“ Addi: „Was, schon da? Okay, bis gleich.“ – Aufgelegt. Ich klingel an der Tür. 30 Sekunden nichts. Ich, etwas ungeduldig, klingel erneut. Addi: „Ja, gleich. Warte kurz.“ Dann öffnet mir ein gestresster mit erhöhter Atemfrequenz ausgestatteter, Entspannung vortäuschender bester Freund. Addi glaubt nach so vielen Jahren immer noch, seine Wohnung müsse ordentlich aussehen, wenn ich dort nach längerer Zeit wieder auftauche. Er spielt mir dann gerne vor, dass es dort immer so aussieht. Manchmal tun wir beide so, als würde ich ihm das abkaufen. Aber eigentlich weiß ich ganz genau, warum es zufällig immer, ja IMMER frisch nach Frosch-Zitronen-WC-Reiniger sowie Febreze riecht und in der Küche das Geschirr noch tropft. Er versucht aus seinem unordentlichen Teil seiner Persönlichkeit ein Geheimnis zu machen. Dabei verrät er sich jedes Mal dadurch, dass er in den Stunden, bevor ich vor seiner Tür stehe, sehr kurz angebunden ist, er sehr schnell und unverschachtelt redet und mich erwartungsfroh, auf Komplimente wegen seiner sauberen Wohnung hoffend, anstarrt, sobald ich sein Heim betrete. Wer hat demnach hier das Geheimnis? Er oder vielmehr ich, die all diese äußeren Zeichen von ihm wahrnimmt. Zeichen, die ihm selbst vielleicht gar nicht bewusst sind, da ihn nie jemand darauf aufmerksam gemacht hat.

In meinem Studium habe ich viel über mögliche Kommunikationsstörungen, -helferlein und Perspektivwechsel gelernt. Eine für mich immer wieder faszinierende Differenz ist jene von Selbst- und Fremdbild.

Mithilfe folgenden Modells lässt sich meiner Meinung nach die Problematik gut darstellen:

Johari

Es gibt etwas, das wir mit Absicht nach außen strahlen, von dem uns bewusst ist, dass wir es nicht verbergen (können). Dies bezieht sich auf Äußerlichkeiten, aber auch auf Persönlichkeitseigenschaften. Dieser Bereich, der uns selbst und den anderen bekannt ist, ist meist eher klein.

Dann gibt es etwas, dass nur wir wissen, was wir nicht kenntlich machen (wollen). Dies ist unser Geheimnis (wäre ich leichtgläubiger, blind und hätte Anosmie, wäre ein Beispiel hierfür, dass Addi’s Wohnung in den meisten Fällen bei Überraschungsbesuchen chaotisch, staubig und mit verkrustetem Geschirr ausgestattet wäre).

Zum weiteren haben wir etwas, das weder wir wissen, noch die anderen. Dies sind unbekannte Persönlichkeitsmerkmale/Verhaltensweisen, vielleicht sogar unentdeckte Talente.

Woran leicht gearbeitet werden kann und häufiges Ziel in Rhetorik-Seminaren ist, ist der Bereich des Blinden Flecks. Hier geht es um die Dinge, die die anderen wissen und uns selbst unbekannt sind. Dies sind sozusagen die Geheimnisse der anderen. Es ist möglich, hieran bewusst zu arbeiten, den Bereich zu verkleinern und somit den der Öffentlichen Person zu vergrößern. Das Selbst- und Fremdbild kann einander angenähert werden.

Ich könnte beispielsweise Addi darauf aufmerksam machen, woran ich manchmal erkenne, wenn er versucht angebliche Unzulänglichkeiten zu verbergen. Er könnte künftig daran arbeiten und eine neue Taktik entwickeln. Dann würde ich ihm aber dabei helfen, mich in Zukunft besser zu täuschen. … Hmm.

 I Addi, wenn du das hier liest, entschuldige bitte. Dies hier ist nur ein fiktives Beispiel. Natürlich weiß ich, dass deine Wohnung immer ordentlich ist, da du stets alles Unordentliche sofort beseitigst und im Durcheinander nicht denken kannst. Warum es immer zufällig gerade nach Frosch-Zitronen-Dingens riecht und dein Geschirr pitschenass ist, wenn ich dich besuche? Na weil es eben Zufall ist.  … 🙂 I

Eine Möglichkeit wäre eine vertraute Person einmal zu fragen, was für eine typische Eigenschaft wir in bestimmten Situationen häufig zeigen oder sie zu bitten, fünf Charakterzüge von uns aufzuzählen. Vielleicht ist eine darunter, die uns gar nicht bewusst war. Dann bitten wir um nähere Erläuterung oder uns das nächste Mal, wenn wir dieses uns unbewusste Verhalten an den Tag legen, darauf aufmerksam zu machen. Das hilft uns bei der Bewusstwerdung von Merkmalen / Verhaltensweisen. Vielleicht mögen wir diese, vielleicht strahlen wir aber auch etwas aus, das wir gar nicht meinen. In diesem Fall ist uns mit dieser Annäherung von Selbst- und Fremdbild besonders geholfen. Denn wir wollen ja nicht schlecht gelaunt oder aggressiv wirken, wenn wir möglicherweise nur konzentriert und interessiert an etwas sind.

Spiegel

Was Addi angeht (Hallo Addi!) ich werde ihm sagen, woran ich häufig merke, dass er unter Strom steht, auch wenn er versucht, gelassen zu wirken. Nicht immer wollen wir alles nach außen strahlen, was in uns vorgeht. Ein Recht auf Geheimnisse sollte jeder haben, wie ich finde. Zum Beispiel im Beruflichen könnte es von den eigenen Fähigkeiten ablenken, wenn er einen nervösen Eindruck macht weil er u. a. mit den Händen ganz viel umher fuchtelt, während er eine ziemlich gute Idee für ein neues Projekt vorstellt.

Quelle: Luft, J. & Ingham, H. (1961). Human Relations Training News. Washingotn: Nat. Education Ass.

… und Erinnerungen aus der Studienzeit

Kürbis-Karotten-Suppe, Karaoke & innere Konflikte

Untitled

Teil meines perfiden Masterplans, die Welt zu verbessern, ist es, weniger Lebensmittel wegzuwerfen. So kochten Addi und ich Montagabend eine vorzügliche Kürbis-Karotten-Suppe mit einem Hauch Ingwer und Milch. Milch. Ja Milch ist in Maßen etwas Feines. Frische Milch. … Was soll ich sagen, die Suppe war lecker, nur leider viel zu viel. So aß und teilte ich mit meiner ausgehungerten Mitbewohnerin Stella auch noch am nächsten Tag davon. Leer war der Topf aber auch dann nicht. Es wurde Mittwoch. Ein absoluter Härtefall für mich. Normalerweise traue ich mich am 3. Tag niemals, noch von dem Essen zu probieren, aber es erscheint mir auch zu früh, es wegzuwerfen. Also warte ich in den meisten Fällen noch 1 bis 2 weitere Tage bevor ich das gute Zeug im Müll verschwinden lasse. Aber nicht gestern. Ich will ja weniger verschwenden, der Umwelt und meinem Portemonnaie zuliebe. Allerdings vermute ich vage, dass ich die Suppe nicht nur tagsüber, sondern auch jeweils nachts hätte in den Kühlschrank stellen sollen. Ich weiß nicht genau, was gestern Abend nach dem Verzehr des letzten Rests der orangenen Verführung los war, aber es ging meinem Magen und mir nicht Bestens. Heute geht es besser, aber dennoch bin ich nicht so hungrig wie gewohnt. Nur habe ich einer geliebten Kollegin, die mir durch 3-wöchiges Bitten, Betteln und einer Schlechte-Gewissen-Taktik das Versprechen abrang, heute beim allmonatlichen gemeinsamen Kollegen-After-Work-Feiern dabei zu sein… allein ihr zuliebe steht Karaoke auf dem Programm. Niemand will singen, außer besagter Lieblingskollegin. Diese normalerweise solodarische Leidensgenossin hat zudem einen ihrer letzten Tage in diesem Büro, was ihr ein weiteres Argument zuspielte, mich zu überzeugen… mich gegen einen gemütlichen Abend mit Kamillentee und einer frühen Schlafenszeit zu entscheiden. Welche Optionen bleiben?

A: ich muss mich unheimlich betrinken, um mich mit ihr auf die Bühne zu stellen und dabei ein Mikro zu halten. Destination meines Mageninhalts ist in diesem Fall jedoch ungeklärt.

B: Ich trinke nicht so viel, damit mein Magen nicht auf die Idee kommt, den Waffenstillstand zu beenden. So singe ich aber nicht oder lasse mich peinlich mit rot leuchtendem Kopf auf die Bühne zerren um dann keinen Ton rauszukriegen.

C: Ich trinke und nehme in Kauf, auf der Bühne nicht nur zu beweisen, dass ich noch schlechter singen kann als den Geschirrspüler auszuräumen und gebe mit einer den Magen, das Zwerchfell und die Bauchmuskel zusammenziehender, den Magenschließmuskel öffnender, den Mageninhalt über die Speiseröhre wandern lassender Performance noch eines oben drauf.

… Ich hab mich noch nicht entschieden. Mal gucken. Sollte sich jemand von euch heute in eine Karaoke Bar verirren und ein blasses Mädchen singend kotzen sehen – sprecht sie nicht an. Sie leidet lieber im Stillen 🙂 

karaoke

Schnelle Orgasmen sind auf Dauer auch nicht so meins.

Abgesehen von Ernährung, Bewegung, ein rauchfreies Leben und anderen Abstinenzgeboten soll es ja auch noch weitere unpolitische Themen geben, über die es sich nachzudenken lohnt. Neulich zum Beispiel…

Spaziergang

Neulich spazierten mein bester Freund und ich durch Berlin, unterhielten uns über Haare, Schweden und Fortpflanzungssport (Geschichten von Tanten der Cousinen unserer Nachbarn natürlich). Er, nennen wir ihn Addi, erzählte mir von dem Druck, der, so oft und ausgiebig er schon diskutiert wurde, zu einem klischeebehafteten Mythos geworden zu sein scheint. Es geht um das berühmte Nicht-Zu-Früh-Kommen, Nicht-Einknicken, Für-Ihren-Orgasmus-Verantwortlich-Sein. Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass jeder Mann diesen Druck verspürt, schon gar nicht jedes Mal. Aber er ist ein Phänomen, welches mir schon häufiger in Gesprächen mit Männes begegnete.

Männes

Sex kann für die eine oder den anderen in eine Art Leistungssport ausarten: länger, härter, döller (für Dialektbefreite: „doller“) und was Umlaut-Komparative noch so für Verben kreieren. „Später“ oder „Ich will noch nicht kommen“ gehört wohl eher selten zum erotischen Bettgeflüster, wenn der weibliche Höhepunkt bevorsteht. Doch ist es unsere Absicht, wie bei einem Marathon, dank regelmäßigem Training immer schneller zum „Ziel“ zu kommen? Muss Mann nur deswegen Ausdauer zeigen, damit Frau ebenfalls zum Zug kommt? Addi erfreute mich mit folgendem Satz: „Schnelle Orgasmen sind auf Dauer auch nicht so meins.“. Es war mir zwar nicht ganz neu, dass auch das andere Geschlecht an mehr als Quickies interessiert ist, aber es gibt nicht viele, die so offen und einleuchtend mit mir darüber geredet haben. Er erzählte mir, dass er regelmäßig trainiert…  Das soll heißen, dass er versucht, nicht so schnell zu kommen wie er könnte, wenn er nicht zwischendurch an die alte Frau Meißner von gegenüber denken würde (bis hier hin nichts Neues).

Frau Meißner

Sein Training sieht aber auch vor, zu üben, beim Kommen nicht zu ejakulieren, nach dem Höhepunkt einfach weiterzumachen mit dem Sex. Je später der erste Orgasmus, desto intensiver sei dieser bereits. Noch besser werde dann der zweite. Wie lange es bis dahin dauert und ob die Ejakulation ein weiteres Mal aufgehalten werden kann, hänge nicht nur von seinem, sondern stark vom Erregungsgrad der Frau ab (welcher wiederum den seinen beeinflusse). Je erregter sie sei, desto schwieriger wäre es (klar…). Spätestens wenn die Geliebte kommt, kommt auch Addi (erneut) – diesmal dann mit allem Drum und Dran. Dieser zweite Orgasmus nach einer längeren Zeitspanne starker Erregung kann von der Intensität variieren – je nach Dauer des Lustspiels, Stimmung aller Mitwirkenden und körperlichen Verfassung. Zu einem dritten kam es in Addi’s Karriere bisher nur selten während ein und derselben Sporteinheit. Aber er übt fleißig weiter – mit Hilfe seines Kamasutra-Buches!

Kamasutra

Multiple Orgasmen unterschiedlicher Qualität mit oder ohne Ejakulation – es gibt also zahlreiche Lustlevel, auch für den Mann. Wenngleich ich stets bemüht bin, die Welt nicht in schwarz und weiß aufzuteilen und flache Klischeebilder nicht gedankenlos als gegeben annehmen möchte, muss ich doch zugeben, dass Addi mir diese Tatsache noch einmal sehr bewusst gemacht hat.

Der Vollständigkeit halber: Selbst gänzlich ohne Orgasmus ist die Mühe nicht umsonst, behaupte ich zumindest. Addi wiederum behauptet mir zuzustimmen…