Mein Geheimnis, euer Geheimnis

Ich rufe Addi an: „Ich bin gleich da, noch 3 Minuten circa.“ Addi: „Was, schon da? Okay, bis gleich.“ – Aufgelegt. Ich klingel an der Tür. 30 Sekunden nichts. Ich, etwas ungeduldig, klingel erneut. Addi: „Ja, gleich. Warte kurz.“ Dann öffnet mir ein gestresster mit erhöhter Atemfrequenz ausgestatteter, Entspannung vortäuschender bester Freund. Addi glaubt nach so vielen Jahren immer noch, seine Wohnung müsse ordentlich aussehen, wenn ich dort nach längerer Zeit wieder auftauche. Er spielt mir dann gerne vor, dass es dort immer so aussieht. Manchmal tun wir beide so, als würde ich ihm das abkaufen. Aber eigentlich weiß ich ganz genau, warum es zufällig immer, ja IMMER frisch nach Frosch-Zitronen-WC-Reiniger sowie Febreze riecht und in der Küche das Geschirr noch tropft. Er versucht aus seinem unordentlichen Teil seiner Persönlichkeit ein Geheimnis zu machen. Dabei verrät er sich jedes Mal dadurch, dass er in den Stunden, bevor ich vor seiner Tür stehe, sehr kurz angebunden ist, er sehr schnell und unverschachtelt redet und mich erwartungsfroh, auf Komplimente wegen seiner sauberen Wohnung hoffend, anstarrt, sobald ich sein Heim betrete. Wer hat demnach hier das Geheimnis? Er oder vielmehr ich, die all diese äußeren Zeichen von ihm wahrnimmt. Zeichen, die ihm selbst vielleicht gar nicht bewusst sind, da ihn nie jemand darauf aufmerksam gemacht hat.

In meinem Studium habe ich viel über mögliche Kommunikationsstörungen, -helferlein und Perspektivwechsel gelernt. Eine für mich immer wieder faszinierende Differenz ist jene von Selbst- und Fremdbild.

Mithilfe folgenden Modells lässt sich meiner Meinung nach die Problematik gut darstellen:

Johari

Es gibt etwas, das wir mit Absicht nach außen strahlen, von dem uns bewusst ist, dass wir es nicht verbergen (können). Dies bezieht sich auf Äußerlichkeiten, aber auch auf Persönlichkeitseigenschaften. Dieser Bereich, der uns selbst und den anderen bekannt ist, ist meist eher klein.

Dann gibt es etwas, dass nur wir wissen, was wir nicht kenntlich machen (wollen). Dies ist unser Geheimnis (wäre ich leichtgläubiger, blind und hätte Anosmie, wäre ein Beispiel hierfür, dass Addi’s Wohnung in den meisten Fällen bei Überraschungsbesuchen chaotisch, staubig und mit verkrustetem Geschirr ausgestattet wäre).

Zum weiteren haben wir etwas, das weder wir wissen, noch die anderen. Dies sind unbekannte Persönlichkeitsmerkmale/Verhaltensweisen, vielleicht sogar unentdeckte Talente.

Woran leicht gearbeitet werden kann und häufiges Ziel in Rhetorik-Seminaren ist, ist der Bereich des Blinden Flecks. Hier geht es um die Dinge, die die anderen wissen und uns selbst unbekannt sind. Dies sind sozusagen die Geheimnisse der anderen. Es ist möglich, hieran bewusst zu arbeiten, den Bereich zu verkleinern und somit den der Öffentlichen Person zu vergrößern. Das Selbst- und Fremdbild kann einander angenähert werden.

Ich könnte beispielsweise Addi darauf aufmerksam machen, woran ich manchmal erkenne, wenn er versucht angebliche Unzulänglichkeiten zu verbergen. Er könnte künftig daran arbeiten und eine neue Taktik entwickeln. Dann würde ich ihm aber dabei helfen, mich in Zukunft besser zu täuschen. … Hmm.

 I Addi, wenn du das hier liest, entschuldige bitte. Dies hier ist nur ein fiktives Beispiel. Natürlich weiß ich, dass deine Wohnung immer ordentlich ist, da du stets alles Unordentliche sofort beseitigst und im Durcheinander nicht denken kannst. Warum es immer zufällig gerade nach Frosch-Zitronen-Dingens riecht und dein Geschirr pitschenass ist, wenn ich dich besuche? Na weil es eben Zufall ist.  … 🙂 I

Eine Möglichkeit wäre eine vertraute Person einmal zu fragen, was für eine typische Eigenschaft wir in bestimmten Situationen häufig zeigen oder sie zu bitten, fünf Charakterzüge von uns aufzuzählen. Vielleicht ist eine darunter, die uns gar nicht bewusst war. Dann bitten wir um nähere Erläuterung oder uns das nächste Mal, wenn wir dieses uns unbewusste Verhalten an den Tag legen, darauf aufmerksam zu machen. Das hilft uns bei der Bewusstwerdung von Merkmalen / Verhaltensweisen. Vielleicht mögen wir diese, vielleicht strahlen wir aber auch etwas aus, das wir gar nicht meinen. In diesem Fall ist uns mit dieser Annäherung von Selbst- und Fremdbild besonders geholfen. Denn wir wollen ja nicht schlecht gelaunt oder aggressiv wirken, wenn wir möglicherweise nur konzentriert und interessiert an etwas sind.

Spiegel

Was Addi angeht (Hallo Addi!) ich werde ihm sagen, woran ich häufig merke, dass er unter Strom steht, auch wenn er versucht, gelassen zu wirken. Nicht immer wollen wir alles nach außen strahlen, was in uns vorgeht. Ein Recht auf Geheimnisse sollte jeder haben, wie ich finde. Zum Beispiel im Beruflichen könnte es von den eigenen Fähigkeiten ablenken, wenn er einen nervösen Eindruck macht weil er u. a. mit den Händen ganz viel umher fuchtelt, während er eine ziemlich gute Idee für ein neues Projekt vorstellt.

Quelle: Luft, J. & Ingham, H. (1961). Human Relations Training News. Washingotn: Nat. Education Ass.

… und Erinnerungen aus der Studienzeit

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