Mein Spiegelbild geht in die falsche Richtung

Als Kommunikationstante und Sprechwissenschaftlerin gehört es eigentlich zu meinem Schlafwandelgemurmel… Selbst- und Fremdbild … einander annähern durch die Kunst des Sich-Spiegelns, seinen Gegenüber spiegeln, sich selbst einen Spiegel vorhalten… Doch wann macht man das wirklich, für sich allein, mit sich allein?

Spiegel

Ich sehe im Fenster der S-Bahn eine Fratze mit Augenringen und runterhängenden Mundwinkeln, doch wende mich gleich wieder ab… Das ist nur das schlechte Licht. Die Fensterscheibe bildet jeden verzerrt ab. Das bin ich nicht. Wochen und Monate vergehen, vielleicht ein Jahr. Wieder eine Fratze. Diesmal im Kaufhausspiegel… Das Licht hier ist echt grell. Krankenhauslicht. Ich hab nicht viel geschlafen in letzter Zeit. Ich muss nur mal wieder mehr Sport machen. Ein paar neue Klamotten brauche ich auch. Ich geh zum Friseur sobald ich einen neuen Job hab. Das hier ist nur eine Phase. Das bin ich nicht. Oder?

Bild

Sich im Spiegel zu betrachten, heißt, eine bessere Idee von sich zu bekommen. Dennoch ist es lediglich ein Spiegel, nicht wir selbst. Wenn wir nach links gucken, schaut unser Spiegel-Ich nach rechts, wenn ich meinen Scheitel immer rechts trage, trägt ihn mein gläserner Zwilling links. Im Idealfall macht mein Abbild stets das Gegenteil von mir.

Nun frage ich mich aber, warum ICH das Gegenteil von mir mache? Wann bin ich eigentlich zu meinem Spiegelbild geworden? Wann habe ich angefangen, mit dem falschen Bein aufzustehen, in die andere Richtung zu blicken? Seit wann gehe ich in die entgegengesetzte Richtung? – Ja, ich bin erwachsen. Ja ich bin für mich selbst verantwortlich und selbstständig. Ja ich muss Miete zahlen. Ja, ich möchte gern irgendwann in eine größere Wohnung, eine schöne Kamera, das Kleid im Schaufenster die Straße runter, 2 Wochen Island und meine Rechnungen bezahlen. Ja ich hatte und habe Träume, hatte und habe eine (Ideal-)Vorstellung von mir. Dass der Wunsch, seine Rechnungen zu bezahlen und jener, sich zu verwirklichen (was auch immer das im Einzelfall heißt) nicht zwangsläufig harmonieren, ist wohl kaum jemanden neu. Aber müssen diese beiden Dinge gleich in verschiedenen Universen zu Hause sein? Wie lange lässt sich die beängstigende Erkenntnis mit gelegentlichen kleinen Gesprächen über Alles wird bald besser – wie, wann und wo auch immer ignorieren?

Ruder

Am vorigen Wochenende hatte die Ignoranz ihre Grenze erreicht. Ich sah mich an und sah das Gegenteil von mir. Als wäre ich meine Spiegelung, welche stets meine Antithesen umsetzt. Mein Spiegelbild geht in die falsche Richtung und ich folge ihm.

Wenn ich sprechen will, warum entscheide ich mich fürs Rechnen? Wenn ich laufen will, warum entscheide ich mich fürs Sitzen? Wenn ich mich selbstständig machen will, warum entscheide ich mich für ein Praktikum, mehr als ein Jahr nach meinem Studienabschluss?

Genug gejammert, gewundert und gesumpft. Der Frühling kommt und ich ändere die Richtung.

Frühling

Auto

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6 Gedanken zu “Mein Spiegelbild geht in die falsche Richtung

    1. Ich danke dir!

      Ja ich glaube, es gibt einige Menschen, die sich früher oder später „ertappen“ unzufrieden zu sein und entschließen, einen anderen Weg einzuschlagen.

      1. ich glaube, dass viele den schritt, einen anderen weg einzuschlagen, nicht wagen und bei der unzufriedenheit hängen bleiben…

      2. Da stimme ich dir auf jeden Fall zu! Es gibt sicher tausend Gründe, warum das so ist: Erziehung, Ängste, Möglichkeiten, fehlende Unterstützung und viele andere persönliche Individualitäten, die sowas erschweren oder einfach, weil es im ersten Moment gemütlicher ist, nichts zu ändern. …

      3. du sagst es. bei vielen ist es wohl ein mix aus mehreren dieser komponenten. schlimm nur, wenn man ein leben lang damit hadert, sich nicht damit arrangieren kann und doch nciht den mut findet, etwas zu ändern.

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